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Mut zur Lücke

Sammlung
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Objekte aus der SKKG-Sammlung neu entdeckt, interpretiert und weitergedacht: Eine Ausstellung der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) machte sichtbar, wie Sammlungsobjekte Impulse für neue Narrative und experimentelle Zugänge geben können. 

Eine Ausstellung planen!

Abzählen, einordnen, vergleichen und kategorisieren. Rund 100’000 Objekte von der Steinzeit bis zur Gegenwart zu erfassen, erfordert ein klares System – besonders bei jenen Dingen, deren Ursprung, Funktion oder Bedeutung nicht eindeutig bestimmbar sind. Doch was soll mit diesen Sammlungsobjekten geschehen?

Gerade diese oft verborgenen, unklassifizierten Objekte der SKKG standen im Zentrum des Moduls innerhalb des ZHdK-Masterstudiengangs Visuelle Kommunikation. Unter der Leitung von Burkhard Meltzer wurden die Student:innen dazu eingeladen, eine «spekulative Ausstellung» zu entwickeln und den offenen Zustand der Dinge bewusst zum Ausgangspunkt zu machen. 

Sammlungsobjekte in Szene gesetzt

Die Grafikdesignerin Eva Jäger besuchte das Modul ebenfalls: «Die Gegenstände sprechen miteinander, erzählen sich gegenseitig ihre Geschichte und prallen in ihrer Gegensätzlichkeit auch mal aufeinander», sagt sie über die Sammlungsobjekte im Lager des Wintowers. Severin Rüegg, Leiter Sammlung bei der SKKG, hatte die Masterstudent:innen durch die Räumlichkeiten geführt. Mit einem Teil der unklassifizierten Objekte arbeiteten sie daraufhin an ihren jeweiligen Projekten.

Digitalisierung, Erinnerung und Verschwörung

Fragmentiert und digital neu zusammengesetzt, wurde ein unscheinbares Sedimentgestein zu einem glitzernden, bewegten Bild auf einem Screen, das den Wandel von Kontrolle und Klassifizierung bis hin zum Neuentdecken und Loslassen sichtbar machte.  

Eine andere Arbeit stellte die Konstruktion von Geschichte in den Fokus, ausgehend von einem Bakelitfragment mit unsicherer Herkunft, das angeblich 1945 in den Ruinen der Berliner Reichskanzlei gefunden wurde. Die fragwürdige Authentizität eröffnete einen kritischen Raum zwischen Fakt und Fiktion, Verantwortung und Erinnerungen an den Holocaust.

In ähnlicher Manier wurde eine «ungeöffnete Dose aus Metall» zum fiktiven Narrativ um ein geheimes Codesystem der US-Regierung aus dem Jahr 1940, das zur Kennzeichnung von Konservendosen mit toxischen oder geheimen Inhalten gedient habe. So wurde eine unscheinbare Metalldose zur Büchse der Pandora: Ein Projektionsraum für Geschichten und Verschwörungen.

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Klassifizieren als Spiel

«Beim Sammeln, gerade von Objekten, deren Ursprung oder Funktion undeutlich ist, ordnen wir Fragmente der Welt zu einem Muster an», sagt Eva, die gemeinsam mit Nevin Götschmann und Rebecca De Bautista einen besonders zugänglichen Ansatz wählte: Ausgehend von einer Vielzahl ähnlicher Objekte, allesamt gekennzeichnet als «Scheibe mit Loch», untersuchten sie den Akt des Kategorisierens und übertrugen die Formatlogik augenzwinkernd auf Willisauer Ringli.

Das Kategorisieren sei in unserem Denken verankert: Jede Sekunde prozessieren wir Unmengen von Daten. «Um diese Flut zu verarbeiten, kommt es automatisch zu Kategorisierungen, die unbewusst unser Denken steuern und dazu führen, dass wir auch Situationen und Menschen in Schubladen stecken – eigentlich absurd!» Diese Denkweise wollte die Gruppe kritisch hinterfragen, gleichzeitig sollte eine wissenschaftliche Arbeitsweise – spielerisch und nicht ganz ohne Ironie – einer breiten Masse zugänglich gemacht werden. 

Die Besucher:innen der Ausstellung wurden dazu eingeladen, die Willisauer Ringli als ebensolche «Scheiben mit Loch» zu betrachten, sie untereinander zu vergleichen, zu messen; ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden. Dabei rückte die sehr wahrscheinliche tatsächliche Funktion der Scheiben als Gewichte an Webstühlen komplett in den Hintergrund. Das Spiel funktionierte und stiess auf grosses Interesse: «Viele spielten begeistert und stundenlang», so Eva.

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Die Sammlung als lebendige Ressource

Nach der Ausstellung bleibt uns die wertvolle Erkenntnis, dass die Sammlung der SKKG nicht nur bewahrt, sondern aktiv genutzt werden kann – als lebendige Ressource für Lehre, Vermittlung und experimentelle Zugänge. Das Spannungsfeld, welches zwischen den Objekten entsteht und auch unbehaglich sein kann, birgt Potenzial und darf gerne weiter entdeckt werden.